Sport & Ernährung

Axel Stein 2

Priv.-Doz. Dr. med. Alexander Stein

  • Facharzt für Innere Medizin und Hämatologie und Onkologie
  • Hubertus Wald Tumorzentrum – Universitäres Cancer Center Hamburg

Deutsche Stiftung für junge Erwachsene mit Krebs: Lieber Herr Dr. Stein, bei der Behandlung von Krebserkrankungen kennen wir u. a. die Kinder- und die Erwachsenen-Onkologie. Welche Besonderheiten bestehen aus Ihrer Sicht bei jungen Erwachsenen mit Krebs?
Priv.-Doz. Dr. med. Alexander Stein: Bei jungen Erwachsenen zeigt sich ein komplett anderes Spektrum an Krebserkrankungen als bei älteren Patienten. Häufig handelt es sich um Erkrankungen mit einem hohen Heilungspotential, die allerdings einer intensiven Therapie bedürfen. Dabei werden oft verschiedene Therapieformen, wie Chemo-, Immun- und Strahlentherapie, oder auch Operationen einbezogen. Auch in der Nachsorge bestehen besondere Probleme, so können infolge der intensiven Therapiekonzepte im jungen Alter spezielle Langzeitfolgen auch noch nach Jahrzehnten auftreten. Darüber hinaus entstehen bei der „Rückkehr“ in den Alltag nach Therapieabschluss besondere Problemstellungen z.B. in Bezug auf Familienplanung, Ausbildung oder Beruf. Die Gruppe der Patienten mit einer Tumorerkrankung bedarf sowohl in der Phase der Therapie, als auch in der Nachsorge einer besonderen Beachtung und spezieller Unterstützung. Daher steht im Fokus unserer Nachsorge nicht allein der medizinische Aspekt, neben psychosozialen Angeboten bieten wir Beratungen zu körperlicher Aktivität und Ernährung an.

Sie haben den Aspekt der körperlichen Aktivität bei Krebserkrankungen angesprochen. Welche Rolle Spielt Sport aus Ihrer Sicht?
Sport spielt nicht nur während der Therapie eine entscheidende Rolle, da krankheits- und therapiebedingte Symptome durch körperliche Aktivität verbessert werden können. Vor allem nach Abschluss der Behandlung kann regelmäßige sportliche Aktivität die möglichen Langzeitfolgen der Krebserkrankung positiv beeinflussen, unter anderem kann das Risiko für Herz-Kreislauferkrankungen und Osteoporose sowie das Risiko für das Wiederauftreten einer Tumorerkrankung gesenkt werden. Darüber hinaus wirkt sich Sport positiv auf die Lebensqualität der jungen Erwachsenen aus und wirkt integrativ.

Gibt es bestimmte Phasen der Erkrankung in denen es besonders wichtig ist Sport zu treiben bzw. in denen auf sportliche Aktivitäten verzichtet werden sollte?
Die Bedeutung von körperlicher Aktivität bei Krebspatienten wurde in zahlreichen Studien untersucht. Ein regelmäßiges, angeleitetes Training während der Chemotherapie kann Nebenwirkungen wie starke Erschöpfung und Polyneuropathie mindern und die körperliche Leistungsfähigkeit verbessern. Da jedoch der Krankheits- und Therapieverlauf von Patient zu Patient sehr unterschiedlich ist, gibt es keine allgemein gültige Empfehlung zu Sport. Während der Therapie sollten Patienten nur in Absprache ihres Arztes und unter Anleitung trainieren. Allgemeine Kontraindikationen für Sport sind u. a. akute Schmerzen, Infektionen und Fieber.

Im Rahmen der Nachsorge versuchen wir unsere Patienten sehr stark zu einer regelmäßigen sportlichen Aktivität zu motivieren. Dabei stehen die individuellen Bedürfnisse und Ziele im Vordergrund, sowie die Umsetzbarkeit des Trainings in den Alltag. Unser Ziel ist es, junge Erwachsene nach einer Krebserkrankung zu einem nachhaltig gesunden Lebensstil zu motivieren.

Gibt es Sportarten, die sich für junge Krebspatienten besonderes anbieten, und mit welcher Regelmäßigkeit sollte diesen nachgegangen werden?
Grundsätzlich empfehlen wir im Rahmen der Nachsorge eine Kombination aus einem Ausdauertraining und einem Krafttraining. Besonders geeignete Ausdauersportarten sind Nordic Walking, Laufen, Radfahren und Schwimmen. Bei einem Kraftausdauertraining sollten mit relativ geringen Gewichten und vielen Wiederholungen die großen Muskelgruppen trainiert werden. Auch Yoga und Pilates zählen zu einem kraftorientierten Training. Allgemein wird ein Trainingsumfang von 150 Minuten moderater oder 75 Minuten intensiver körperlicher Aktivität pro Woche empfohlen, oder einer Kombination aus beidem. Das Training sollte als „etwas anstrengend“ bis „anstrengend“ empfunden werden.

Und welche Rolle spielt die Ernährung?
Eine gesunde und ausgewogene Ernährung ist für Patienten nach überstandener Krebserkrankung wichtig. Leider haben nur ungefähr 20% der Jugendlichen und jungen Erwachsenen nach Krebs ein gesundes Ernährungsverhalten. Viele ehemalige Patienten essen zu salzig, was u.a. durch eine durch die Therapie bedingte Geschmacksveränderung bedingt ist.

Wir wissen, dass sich eine regelmäßige Nahrungsaufnahme, welche alle Nährstoffe enthält positiv auf die Lebensqualität und das körperliche Wohlbefinden auswirkt. Dabei ist eine Diät mit Verzicht auf bestimmte Nahrungsbestandteile wie Kohlenhydrate oder Eiweiße nicht sinnvoll. Auch ist die zusätzliche Einnahme von Vitaminpräparaten nicht nötig, denn alle nötigen Nährstoffe können durch eine regelmäßige Nahrungsaufnahme aufgenommen werden.

Gibt es Empfehlungen oder Ratschläge, die sie jungen Patienten zum Thema mit auf den Weg geben?
In Deutschland gibt es flächendeckend eine hoch-qualitative Versorgung von Krebspatienten. Allerdings handelt es sich bei jüngeren Patienten häufig um seltenere Erkrankungen oder auch besondere Verlaufsformen von den bekannten und in der Regel im höheren Alter auftretenden Krebsarten. In dieser Situation kann eine Mitbetreuung durch ein spezialisiertes Zentrum sinnvoll sein.

Auch in der Nachsorge gibt es Besonderheiten sowohl medizinischer als auch sozialer oder präventiver Natur. Deshalb ist auch in dieser Situation eine Anbindung an ein Zentrum mit Nachsorgesprechstunden, die einen Fokus auf junge Patienten und deren spezielle Probleme legen zu überlegen.

Neben der medizinischen Versorgung während und nach der Therapie ist der Erhalt eines gesunden Körpers und Geistes von besonderer Wichtigkeit um diese schwere Phase durchzustehen. Dazu sollten alle verfügbaren Hilfs- und Unterstützungsangebote je nach individuellem Bedarf und Wünschen eingesetzt werden (Familie, Freunde, Psychoonkologie, Sportkurse für Krebspatienten, Ernährungsberatung, Selbsthilfegruppen, Komplementärmedizin).

Vorsichtig sollte man mit medizinischen Informationen aus dem Internet umgehen. Hierbei raten wir immer zu einem zusätzlichen Gespräch mit dem betreuenden Arzt, um diese häufig schwer einzuordnenden Informationen für sich sinnvoll bewerten zu können.


Gibt es für junge Krebspatienten professionelle Unterstützung, bspw. in Form von individuellen Sport- und Ernährungsprogrammen?
Aktuell werden nach und nach entsprechende Sport- und Ernährungsprogramme an Zentren der Krebstherapie und Nachsorge aufgebaut. Allerdings ist häufig die Finanzierung ein Problem, da diese speziellen Unterstützungsangebote bislang nicht Teil der Regelversorgung sind und somit von Dritten (z.B. Stiftungen) finanziert werden müssen. Momentan versuchen wir gemeinsam mit anderen Nachsorgezentren in Deutschland solche Programme flächendeckend aufzubauen und längerfristig auch in eine Finanzierung durch die Krankenkassen zu überführen.

Sie haben bereits ein paar Besonderheiten angesprochen. Arbeiten Sie im Hubertus Wald Tumorzentrum mit besonderen Programmen?
Am Hubertus Wald Tumorzentrum in Hamburg konnten wir mit Unterstützung der Deutschen Krebshilfe ein Nachsorgeprogramm, bestehend aus medizinischer Nachsorge, psychosozialen Unterstützungsangeboten und Maßnahmen zur Verbesserung des Lebensstils (Sport und Ernährung) erfolgreich aufbauen. Basierend auf den Rückmeldungen der Patienten und durch Vernetzung mit internationalen Zentren versuchen wir dieses Programm kontinuierlich zu verbessern, um den Ansprüchen unserer Patienten gerecht zu werden. Darüberhinaus arbeiten wir intensiv an dem o.g. flächendeckendem Aufbau und der Sicherstellung der Finanzierung derartiger Programme.

Lieber Herr Dr. Stein, wir danken Ihnen für das Gespräch.