Fertilität, Kinderwunsch & Familienplanung

Dr. Behringer

Dr. med. Karolin Behringer

  • Fachärztin für Innere Medizin mit Schwerpunkt Hämatologie und Medizinische Onkologie
  • Studienärztin Deutsche Hodgkin Studiengruppe (GHSG)
  • Onkologische Ambulanz, Klinik I für Innere Medizin am Universitätsklinikum Köln


Deutsche Stiftung für junge Erwachsene mit Krebs: Liebe Frau Dr. Behringer, bei der Behandlung von Krebserkrankungen kennen wir u. a. die Kinder- und die Erwachsenen-Onkologie. Welche Besonderheiten bestehen bei jungen Erwachsenen mit Krebs?

Dr. med. Karolin Behringer: Die Besonderheit bei den jungen Erwachsenen zwischen 18 und 40 Jahren ist dieser Lebensabschnitt selber. Die Diagnose „Krebs“ kommt zu einer Zeit, in der Gedanken an Krankheit, Sterben und Tod normalerweise keinen Platz haben. Im Gegenteil sind die Schwerpunkte in dieser Lebensphase eher Unabhängigkeit, Akzeptanz bei Freunden und Partnern, sexuelle Orientierung und Erfahrung, Mobilität, Alkohol- und Drogenkonsum, Lösung vom Elternhaus, Ausbildung, Arbeitsplatz und Karriere sowie die Gründung einer Familie.
Eine weitere Besonderheit bei der Behandlung von jungen Erwachsenen mit Krebs ist eine mögliche Unfruchtbarkeit (Infertilität) nach der Therapie. Dieses stellt für die Betroffenen ein gravierendes und ernstzunehmendes Problem dar. Denn: Häufig besteht zum Zeitpunkt der Diagnose ein noch unerfüllter Kinderwunsch. Darüber hinaus haben Funktionsstörungen der Keimdrüsen (Hypogonadismus) nachweislich einen ausgeprägten Einfluss auf die Lebensqualität der Patientinnen und Patienten. Bei Frauen besteht aufgrund der Therapie zudem das Risiko des vorzeitigen Eintritts in die Menopause. Aus den genannten Gründen sollten Fertilitätserhaltende Maßnahmen frühzeitig eingeleitet werden.

Sie sprechen ein wichtiges Thema an. Können Sie das etwas näher erläutern?

Bei Männern reagiert die Spermatogenese (Spermienbildung) recht empfindlich auf Strahlen- oder Chemotherapie. In Folge einer herabgesetzten Spermienbildung und/oder herabgesetzten Spermienqualität kann es dann zu Unfruchtbarkeit kommen. Allerdings kann die Spermatogenese bei einem Teil der Hodgkin Lymphom Patienten auch bereits vor Therapieeinleitung beeinträchtigt sein.
Bei einer Strahlen- oder Chemotherapie ist die Situation bei Frauen etwas schwieriger. Denn: Eine „einfache“ Entnahme von Oozyten (Eizellen) ist – wie bspw. bei Männern die Gewinnung von Spermien durch Masturbation – nicht möglich. So muss vor der Entnahme von Oozyten die Bildung dieser zunächst hormonell stimuliert werden. Bei Patientinnen gilt außerdem: Neben der gonadotoxischen Wirkungen von Alkylantien-haltigen Chemotherapien und auch der Strahlentherapie auf die Ovarien (Eierstöcke) spielt das Alter der Frau bei Erstdiagnose und Therapie eine entscheidende Rolle: eine Patientin über 30 Jahren hat nach einer Chemotherapie ein höheres Amenorrö-Risiko (Ausbleiben der Menstruation).

Welche Möglichkeiten bestehen denn – sowohl bei Patientinnen als auch Patienten – dem Kinderwunsch trotz einer Krebserkrankung und/oder der damit verbunden therapeutischen Intervention gerecht werden zu können?

Bei Frauen:

Patientinnen können folgende medikamentöse und reproduktionsmedizinische Verfahren angeboten werden: Als medikamentöse Maßnahmen stehen GnRH-Analoga zur Verfügung. Im Rahmen reproduktionsmedizinische Verfahren besteht die Möglichkeit des Einfrierens (Kryokonservierung) von Eizellen. Grundsätzlich können sowohl befruchtete als auch unbefruchtete Eizellen kryokonserviert werden. Des Weiteren besteht die Möglichkeit der operativen Entnahme mit anschießendem Einfrieren von Ovarialgewebe.

Bei Männern:

Jeder Patient sollte über eine Kryokonservierung von Spermien vor Beginn der Therapie aufgeklärt werden. Können über das Ejakulat keine Spermien gewonnen werden, besteht die Möglichkeit der Spermienextraktion aus dem Hodengewebe (TESE).

Wie hoch sind in etwa die Kosten für die von Ihnen beschriebenen Verfahren, und werden diese von den gesetzlichen Krankenkassen übernommen?

Die Behandlungen werden in der Regel nicht von der Krankenkasse übernommen. Eine gute Zusammenstellung über potenzielle Kosten, die Patientinnen und Patienten entstehen können und Tipps von Expertinnen und Experten, kann man auf der Website „FertiPROTEKT“ (www.fertiprotekt.de) finden. Hier können sich Patientinnen und Patienten mit Kinderwunsch fundiert über mögliche Optionen informieren.

Was zeigt Ihre Erfahrung, sprechen Sie die Betroffenen auf einen möglichen Kinderwunsch an oder gehen Sie aktiv auf die Patientinnen und Patienten zu?

Zum Zeitpunkt der Erstdiagnose ist es erfahrungsgemäß so, dass die Patientin/der Patient und die Angehörigen erst einmal mit der Verarbeitung der Diagnose beschäftigt sind. Da stehen Fragen wie „Was für eine Krebserkrankung habe ich?“, „Wie sind die Heilungsraten?“, „Wie sieht meine Therapie aus?“ oder „Mit welchen akuten Nebenwirkungen habe ich zu rechnen?“ zunächst im Vordergrund. Aus diesem Grund ist es meistens so, dass die Betroffenen aktiv über die Risiken einer therapiebedingten Unfruchtbarkeit und die Möglichkeiten eines Fruchtbarkeitserhalts aufgeklärt werden sollten. Dies sollte ein wesentlicher Inhalt des Arzt-Patienten-Gesprächs sein, damit vorausschauende Maßnahmen – und damit eine mögliche Realisierung eines Kinderwunsches – frühzeitig eingeleitet werden können.

Wir haben die „Deutsche Stiftung für junge Erwachsene mit Krebs“ gegründet. Wie wichtig ist aus Ihrer Sicht eine solche Stiftung?

Die Stiftung ist aus meiner Sicht sehr wichtig. Denn: Sie kann bei der Realisierung des übergeordneten Ziels einer strukturierten und ganzheitlichen Betreuung junger erwachsener Krebspatienten helfen. Aus den bereits von mir geschilderten Gründen bedarf es allerdings spezieller Anforderungen in der Betreuung junger Erwachsener mit Krebs.

So sollten alle im Rahmen der Therapie tätigen Akteure ein Verständnis für das Autonomie-Bedürfnis der Patientinnen und Patienten besitzen und gleichzeitig eine planmäßige Durchführung der Therapie sicherstellen. Wichtig ist, dass wir gemeinsam mit den Patientinnen und Patienten Entscheidungen auf Augenhöhe treffen. Alle an der Behandlung Beteiligten müssen die besondere psychosoziale Situation der jungen Patientinnen und Patienten berücksichtigen. Dazu gehören zum Beispiel das frühzeitige und langfristige Angebot einer psychoonkologischen Betreuung und die professionelle Unterstützung bei der Bewältigung sozialer, beruflicher und finanzieller Probleme. Außerdem dürfen wir nicht vergessen, dass auch eine psychologische Betreuung der professionellen Helfer (bspw. durch Supervision) und manchmal auch der nahen Angehörigen (Eltern, Partner) die Betreuung krebskranker junger Erwachsener verbessern kann. Alle Beteiligten brauchen spezielle Kenntnisse über mittel- und langfristige Nebenwirkungen und Auswirkungen der Therapie und der Krebserkrankung selber (Prädisposition, Zweitneoplasien, Fatigue, „chemo-brain“). Darüber hinaus braucht es spezielle Kenntnisse über den Fertilitätserhalt und eine enge Kooperation mit Reproduktionsmedizinerinnen und Reproduktionsmedizinern (Gynäkologie, Urologie), explizite Kenntnisse im Bereich der Rehabilitation sowie im Bereich der sozialen Hilfe (Ausbildungsförderung, berufliche Wiedereingliederung, finanzielle Hilfe, Hilfe zur Versorgung von Kindern).

Liebe Frau Dr. Behringer, wir danken Ihnen für das Gespräch.