Ernährung

Dr. med. Michael Klein

  • Facharzt für Innere Medizin und Hämatologie und Onkologie
  • Zusatzbezeichnung: Ernährungsmedizin/Notfallmedizin/Palliativmedizin/Sportmedizin
  • Prosper-Hospital Recklinghausen

Deutsche Stiftung für junge Erwachsene mit Krebs: Lieber Herr Dr. Klein, bei der Behandlung von Krebserkrankungen kennen wir u. a. die Kinder- und die Erwachsenen-Onkologie. Welche Besonderheiten bestehen aus Ihrer Sicht bei jungen Erwachsenen mit Krebs?

Dr. med. Michael Klein: Bei jungen Erwachsenen mit Krebs müssen wir - wie auch bei anderen Betroffenen - auf eine gute Aufklärung und das Management der Therapien achten.

Wir müssen allerdings noch genauer auf Nebenwirkungen und Spätfolgen eingehen, da die jungen Erwachsenen je nach Erkrankung häufig eine statistisch normale Lebenserwartung haben. Daher weisen wir insbesondere auf mögliche Folgeschäden der Therapien, bspw. von Chemo- oder Strahlentherapie, hin, um diese rechtzeitig und schnell erkennen zu können.

Ganz wichtig im Rahmen der Aufklärung ist das Ansprechen der Fertilitätserhaltung, d. h. das Bewahren der Möglichkeit, nach Abschluss von Therapien auf natürlichem Wege Vater oder Mutter zu werden. Dazu werden ggf. vor dem Beginn der Behandlung Eizellen oder Spermien konserviert, da diese durch bestimmte Therapieformen unwiderruflich geschädigt werden können. Diese Gespräche bedürfen viel Zeit und Einfühlungsvermögen, da dies manchmal zeitgleich mit der Erstdiagnose einer Erkrankung besprochen werden muss und die Betroffenen sich über dieses Thema bis zum Tag der Erkrankung manchmal noch gar keine Gedanken gemacht haben.

Wir versuchen bei jungen Erwachsenen mit Krebs die Therapie noch stärker „in den Alltag“ zu integrieren, d. h. zum Beispiel in das Privatleben, die Familie, das Berufsleben, die Freizeitgestaltung und viele andere Dinge. Das fordert eine gewisse Flexibilität der Behandelnden und viel Verständnis der Betroffenen.

Weiterhin müssen wir aber auch gerade Betroffene sensibilisieren, nach Ende der Therapiezeit und der Nachsorge auf regelmäßige Vorsorgeuntersuchungen zu achten und sich schnell bei betreuenden Ärztinnen/Ärzten vorzustellen, sobald unklare Symptome nicht zeitnah wieder zurückgehen. Häufig betroffene Organe, auf die besonders geachtet werden müssen, sind zum Beispiel die weibliche Brust nach Bestrahlung im Brustbereich oder das Herz oder das Nervensystem an Händen und Füßen nach Chemotherapien.

Weiterhin ermutigen wir Betroffene vor, während und nach Ende der Therapie prophylaktische Maßnahmen wie Ernährungstherapie, körperliche Aktivität etc. durchzuführen.

Sie haben gerade die Ernährung angesprochen. Unsere Erfahrung ist, dass dieses Thema unter den jungen Patientinnen/Patienten intensiv diskutiert wird. Welche Rolle spielt aus Ihrer Sicht die Ernährung bei der Prophylaxe, während der Behandlung und für die Nachsorge überhaupt?

Dr. med. Michael Klein: Eine ausgewogene Ernährung im Sinne einer mediterranen Kostform ist bei Krebserkrankungen die aktuell zu bevorzugende Kostform bzw. Art der Ernährung.

Sobald sog. Diäten oder besondere Kostformen erfolgen, muss auf die ausgewogene Aufnahme aller vom Körper benötigten Nährstoffe geachtet werden, was je nach Kostform eine zusätzliche Einnahme von z. B. Mineralstoffen, Spurenelementen und Vitaminen notwendig machen kann.

Die Art der zu empfehlenden Nahrungsmittel ist dabei immer abhängig von der Art der Therapie und stets individuell auf jeden einzelnen abzustimmen. Insbesondere bei Patienten mit Krebserkrankungen sollte eine Mangelernährung vermieden werden. Es gibt gute Belege, dass Mangelernährung und das Fehlen benötigter Substanzen z. B. den Krankheitsverlauf verschlechtern, Therapien schlechter verträglich machen, Wundverläufe negativ beeinflussen und auch aus psychologischer Sicht eine entscheidende Bedeutung haben können.

Es wird eine eiweißreiche Kost und ausreichende Flüssigkeitszufuhr empfohlen, um dem im Vordergrund stehenden Verlust an Muskelmasse unter Therapien entgegenzuwirken. Häufig ist die Ernährung aber auch ein Streitpunkt im Umfeld der Betroffenen, da der Betroffene z. B. keinen Appetit verspürt, Schmerzen beim Essen hat oder den Geschmack am Essen verliert. Das Umfeld übt dann möglicherweise Druck auf den Betroffenen aus, was die Nahrungsaufnahme psychologisch noch weiter erschwert. Die oft gutgemeinten Ratschläge sind dann nicht zielführend. Bevor der Betroffene aber nicht ausreichend Nahrung zu sich nimmt, ist eine einheitliche Kost über mehrere Tage manchmal akzeptabel. Daher sollte das Umfeld der Betroffenen in die Gespräche zur Ernährung ggf. einbezogen werden.

Heutzutage gibt es viele Möglichkeiten, bei nicht ausreichender Nahrungsaufnahme zusätzliche Trinkkost oder andere Ernährungslösungen zu rezeptieren. Wichtig ist die Kommunikation mit den betreuenden Ärztinnen/Ärzten und dem Team. Im Rahmen der Nachsorge ist eine ausgewogene Ernährung ebenfalls von großer Bedeutung. Auch lange nach dem Ende der Therapien kann der Stoffwechsel der Betroffenen verändert sein, was z. B. sowohl das Abnehmen wie auch das Zunehmen erschwert oder Einflüsse auf die Entwicklung von Diabetes mellitus und anderen Erkrankungen haben kann. Die empfohlene Kostform bzw. Art der Ernährung für Betroffene nach Therapie von Krebserkrankungen ist aktuell ebenfalls die sog. mediterrane Kost.

Gerade im Internet findet sich eine Vielzahl von Ratschlägen, wobei häufig völlig unklar ist, ob die positive Wirkung der jeweiligen Ansätze wissenschaftlich überhaupt belegt ist oder ob es sich um Ratschläge handelt, die schädlich oder sogar gefährlich sind. Was sollten Patientinnen/Patienten bei der Internetrecherche zum Thema Ernährung berücksichtigen?

Dr. med. Michael Klein: Das Internet ist voll von Empfehlungen zum Thema Ernährung. Viele dieser Empfehlungen werden auf Einzelberichte oder geringe Fallzahlen zurückgeführt. Des Weiteren ist der Bereich der Ernährung und Nahrungsergänzung ein wirtschaftlich interessanter Bereich, z. B. auch für die Industrie. Daher müssen die Berichte und Empfehlungen mit großer Vorsicht betrachtet werden. Es sollte ggf. Rücksprache mit den behandelnden Ärztinnen/Ärzten oder dem betreuenden Team erfolgen.

Einige Betroffene haben uns gefragt, ob eine ketogene Kost während der Therapie ratsam sei.

Dr. med. Michael Klein: Die ketogene Diät ist eine fettreiche und kohlenhydratarme Kostform. Die Studienlage zu dieser Kostform ist aktuell klein und die Ergebnisse für Fachkreise nicht ausreichend, um eine entsprechende Diät generell zu befürworten. Es gibt Berichte, dass die ketogene Diät auch positiv auf den Verlauf einer Krebserkrankung einzelner Betroffener wirken kann. Sollten sich Betroffene für eine entsprechende Kostform unter Therapie entscheiden, ist eine Betreuung durch sachkundiges Personal dringlich anzuraten.

Andere Betroffene wollten von uns wissen, ob es wissenschaftliche Belege dafür gäbe, dass sich Krebszellen verstärkt von bestimmten Nährstoffen (z. B. Kohlenhydrate) ernähren?

Dr. med. Michael Klein: Es gibt Hinweise, dass Krebszellen auf bestimmte Nährstoffe reagieren. Unter anderem gibt es Berichte zu Kohlenhydraten, Vitaminen und sog. Antioxidantien. Aus den gesammelten Belegen kann allerdings keine generelle Empfehlung zu einzelnen Nährstoffen abgegeben werden.

Gibt es vielleicht so etwas wie eine Faustregel zur Ernährung, die Sie jungen Patientinnen/Patienten mit Krebserkrankungen auf den Weg geben können?

Dr. med. Michael Klein: Die Ernährung sollte ausgewogen sein, am besten im Sinne der mediterranen Kostform. Eine eiweißreiche Kost mit nicht zu hohem Gehalt an Kohlenhydraten ist zu bevorzugen. Es muss ggf. auf eine entsprechende Substitution vonMineralstoffen, Spurenelementen und Vitaminen geachtet werden. Es darf allerdings auch mal eine monotone und vielleicht auch „ungesunde“ Ernährungsweise über einen kurzen Zeitraum erfolgen. Bei unzureichender Nahrungsaufnahme durch Nebenwirkungen der Therapien sollte nach Alternativen geschaut werden (z. B. Ersatz von klassischem Besteck durch Plastikbesteck bei metallischem Geschmack, etc.). Sollte eine ausreichende Nahrungsaufnahme nicht mehr möglich sein, können zusätzlich Trinklösungen eingesetzt werden oder andere Ernährungskonzepte erarbeitet werden. Dies sollte frühzeitig erfolgen.

Neben der Aufklärung der Betroffenen selbst sollte auch eine Aufklärung des Umfeldes erfolgen, um Konflikte bezüglich „Essen und Trinken“ zu vermeiden. Die Ernährungstherapie sollte durch moderate körperliche Aktivität begleitet und immer individuell auf jeden einzelnen Betroffenen abgestimmt werden. Bis zum heutigen Tage sind die Daten der verschiedenen Diäten (wie z. B. ketogene Diät) für eine Empfehlung nicht ausreichend.

Lieber Herr Dr. Klein, wir danken Ihnen für das Gespräch.

(Aufzeichnung vom Januar 2017)